ETF-Überschneidungen erkennen und Klumpenrisiko vermeiden
ETF-Überschneidungen im Portfolio erkennen: Was Overlap wirklich bedeutet und warum zwei ETFs nicht automatisch Diversifikation sind
Was ETF-Overlap ist, wie er entsteht und wie Sie Überschneidungen systematisch aufdecken, um echte Diversifikation von gefühlter zu unterscheiden.
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Zwei ETFs im Depot, also doppelt so gut diversifiziert? Diese Logik klingt überzeugend, führt in der Praxis jedoch häufig in die Irre. Viele Anleger kombinieren mehrere börsengehandelte Indexfonds in der festen Überzeugung, ihr Risiko breiter zu streuen. Doch wenn beide ETFs dieselben Schwergewichte wie Apple, Microsoft oder Nvidia in nahezu identischer Gewichtung halten, summiert sich das Risiko, anstatt sich zu verteilen. Echte Diversifikation sieht anders aus.
Das Stichwort lautet ETF-Overlap, also die prozentuale Überschneidung der Positionen zwischen zwei oder mehreren ETFs im Portfolio. Dieses oft übersehene Phänomen ist eines der häufigsten Probleme bei der Portfoliokonstruktion unter deutschen Privatanlegern. Wer es ignoriert, hält möglicherweise gefühlte Diversifikation statt echter Risikostreuung.
Dieser Artikel erklärt, wie Overlap entsteht und gemessen wird, welche Klumpenrisiken daraus resultieren und mit welchen konkreten Methoden Sie Überschneidungen in Ihrem eigenen Portfolio systematisch aufdecken. Am Ende wissen Sie, wie Sie ETF-Kombinationen so gestalten, dass sie wirklich das halten, was sie versprechen.
Was ist ETF-Overlap und wie wird er gemessen?
ETF-Overlap bezeichnet den prozentualen Anteil identischer Positionen, der in zwei oder mehr ETFs gleichzeitig gehalten wird. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob eine Position in beiden ETFs vorkommt, sondern wie stark sie jeweils gewichtet ist. Hält ETF A eine Aktie mit 5 Prozent und ETF B dieselbe Aktie mit 4 Prozent, ist der Beitrag dieser Überschneidung zum Gesamtportfolio erheblich, selbst wenn beide ETFs insgesamt Hunderte von Positionen umfassen.
Wie die Overlap-Rate berechnet wird
Die Overlap-Rate wird typischerweise als prozentualer Anteil der überlappenden Positionen an der Gesamtzahl aller Positionen beider ETFs ausgedrückt. Die einfachste Formel lautet: Anzahl gemeinsamer Positionen geteilt durch die Gesamtzahl einzigartiger Positionen beider ETFs, multipliziert mit 100. Diese rein positionsbasierte Berechnung hat jedoch eine Schwäche: Sie behandelt jede Überschneidung gleich, egal ob es sich um ein Schwergewicht mit 8 Prozent Anteil oder eine Randposition mit 0,02 Prozent handelt.
Deshalb sollte die gewichtungsbasierte Analyse ergänzend genutzt werden. Hier werden die tatsächlichen Kapitalanteile der überlappenden Positionen im kombinierten Portfolio addiert. Dieser Wert zeigt, welcher Anteil des investierten Kapitals faktisch doppelt oder mehrfach in denselben Unternehmen steckt, und ist aussagekräftiger als die bloße Positionsanzahl.
Schwellenwerte als Orientierung
Als Orientierung gelten folgende Richtwerte:
Unter 20 Prozent: unkritisch, echte Ergänzung wahrscheinlich
20 bis 40 Prozent: beachtenswert, Gewichtungsanalyse empfehlenswert
Über 40 Prozent: problematisch, da echter Diversifikationseffekt stark eingeschränkt ist
Diese Schwellenwerte sind keine starren Regeln, sondern Ausgangspunkte für die eigene Analyse. Ein Overlap von 35 Prozent kann vertretbar sein, wenn die überlappenden Positionen klein gewichtet sind. Derselbe Wert ist kritisch, wenn darunter die fünf größten Schwergewichte beider ETFs fallen.
Positionsanzahl versus Kapitalgewichtung
Zwei ETFs können 90 Prozent ihrer Positionen nicht teilen und trotzdem ein erhebliches Klumpenrisiko erzeugen. Wenn die wenigen gemeinsamen Positionen die jeweiligen Top-Holdings beider ETFs sind, fließt ein überproportional großer Teil des Kapitals in exakt dieselben Unternehmen. Der positionsbasierte Overlap erscheint niedrig; der gewichtungsbasierte Overlap ist hoch. Wer nur auf die Positionsanzahl schaut, unterschätzt das Problem systematisch.
Warum mehr ETFs nicht automatisch mehr Streuung bedeuten
Die Anzahl der ETFs im Depot sagt nichts über die tatsächliche Risikoverteilung aus. Drei ETFs mit hohem gegenseitigem Overlap können effektiv dasselbe Risikoprofil wie ein einzelner ETF erzeugen. Wer sein Portfolio wirklich versteht, nicht nur besitzt, erkennt den Unterschied zwischen formaler Produktvielfalt und echter Diversifikation. Die Analyse der Einzelpositionen, einschließlich ihrer präzisen Kosten- und Gewichtungsberechnung, ist der einzige Weg, gefühlte von tatsächlicher Streuung zu unterscheiden.
Warum entsteht Overlap überhaupt? Die Ursachen im Überblick
Dass Overlap überhaupt entsteht, hat einen gemeinsamen Nenner: die Art, wie Indizes gebaut sind.
Marktkapitalisierungsgewichtung als Wurzel des Problems
Nahezu alle gängigen Aktienindizes gewichten ihre Bestandteile nach Marktkapitalisierung. Je größer ein Unternehmen, desto höher sein Anteil am Index. In der Praxis bedeutet das: Eine Handvoll Mega-Caps dominiert automatisch jeden breit aufgestellten Index. Laut Morningstar stieg der Anteil der Top-10-Holdings in einem cap-gewichteten US-Broad-Market-ETF von rund 15,5 % auf über 36 %. Wer zwei cap-gewichtete ETFs mit unterschiedlichen Namen kombiniert, hält dieselben Schwergewichte deshalb fast zwangsläufig doppelt.
Index-Hierarchie: Regionale Indizes als Teilmengen
Globale und regionale Indizes sind keine unabhängigen Anlageuniversen, sondern hierarchisch verschachtelt. Ein Europa-ETF enthält per Konstruktion dieselben Unternehmen, die auch im globalen Index vertreten sind, nur auf eine Region begrenzt. Kombiniert man beide, wird die europäische Komponente schlicht doppelt gewichtet. Dasselbe gilt für US-ETFs gegenüber einem MSCI-World-ETF: Nordamerika macht im globalen Index bereits mehr als 60 % aus, ein zusätzlicher S&P-500-ETF verstärkt diesen Anteil weiter. Das Überlappungs-Problem ist bei solchen Kombinationen strukturell angelegt, nicht zufällig.
Sektorale ETFs: Doppelte Konzentration in denselben Titeln
Ein Technologie-ETF hält im Wesentlichen dieselben Unternehmen, die in einem globalen ETF bereits die größten Positionen stellen. Technologiewerte dominieren die Marktkapitalisierung weltweit, weshalb sie in jedem cap-gewichteten Globalindex überrepräsentiert sind. Wer einen Technologie-ETF ergänzend kauft, erhöht die Gewichtung dieser Titel ein zweites Mal, ohne neues Anlageuniversum hinzuzugewinnen.
Thematische ETFs: Kein Sonderweg
ESG-ETFs, Dividenden-ETFs und Qualitäts-ETFs gelten oft als eigenständige Strategien, greifen aber auf denselben Pool großer, liquider Unternehmen zurück. Nachhaltigkeitsfilter etwa entfernen primär kleine und mittelgroße Unternehmen; die Schwergewichte der Weltbörsen bestehen die Filter häufig problemlos. Das Ergebnis: Zwei vermeintlich unterschiedliche Ansätze halten faktisch ähnliche Kernpositionen.
Die Namens-Illusion
Verschiedene Produktnamen und unterschiedliche Anbieter erwecken den Eindruck von Vielfalt. Tatsächlich können zwei ETFs, die denselben oder einen nahezu identischen Index abbilden, einen Overlap von weit über 90 % aufweisen. Bezeichnungen wie „Global", „Sustainable" oder „Quality" beschreiben Auswahlkriterien, nicht die tatsächliche Portfoliozusammensetzung. Ob ein ETF wirklich neue Positionen beisteuert, lässt sich nur durch den direkten Vergleich der Einzelpositionen feststellen, nicht durch den Namen auf dem Factsheet.
Klumpenrisiko im ETF-Portfolio: Was wirklich auf dem Spiel steht
Overlap entsteht also nicht zufällig, sondern ist in der Struktur marktkapitalisierungsgewichteter Indizes angelegt. Die eigentliche Frage ist: Was bedeutet das konkret für das Risiko im Portfolio?
Klumpenrisiko bezeichnet die Situation, in der ein einzelner Wert, eine Branche oder eine Region einen unverhältnismäßig hohen Anteil des Gesamtportfolios einnimmt. Das Risiko konzentriert sich, statt sich zu verteilen. Entscheidend dabei: Ein Klumpenrisiko durch Overlap ist für den Anleger zunächst unsichtbar, weil es nicht auf der Ebene einzelner Produkte entsteht, sondern erst in der Zusammenschau aller gehaltenen Positionen.
Ein konkretes Beispiel
Ein Anleger investiert je zur Hälfte in einen globalen ETF und einen Europa-ETF. Was logisch nach Regionenstreuung klingt, erzeugt in Wirklichkeit eine systematische Übergewichtung. Europäische Aktien sind im globalen ETF bereits mit rund 15 bis 20 Prozent enthalten. Durch die zusätzliche Europa-Position steigt ihr effektives Gesamtgewicht im kombinierten Portfolio erheblich, ohne dass dies aus den Produktnamen erkennbar ist. Was man tatsächlich im Depot hält, bleibt ohne eine detaillierte Positionsanalyse oft verborgen.
Was das in einem Abschwung bedeutet
Die Konsequenzen zeigen sich erst, wenn ein bestimmter Sektor oder eine Region unter Druck gerät. Ein Portfolio mit hohem Overlap verliert in einem solchen Szenario deutlich stärker als erwartet, weil die vermeintliche Streuung schlicht nicht vorhanden ist. Die unterschiedlichen Produktnamen im Depot täuschen über die tatsächliche Risikokonzentration hinweg. Wer glaubt, zwei separate Risikoquellen zu halten, hält oft nur eine, die zweifach verpackt ist.
Technologiekonzentration als aktuelles Beispiel
Besonders ausgeprägt ist dieses Problem bei der Technologiekonzentration in globalen Indizes. Die zehn größten Positionen machen in verschiedenen globalen ETFs über 20 Prozent des Fondsvolumens aus. Diese Schwergewichte sind nahezu identisch über viele Produkte hinweg. Wer einen globalen ETF mit einem Technologie-ETF oder einem weiteren Marktbreiten-ETF kombiniert, hält die dominanten Technologietitel mehrfach gewichtet, ohne das Portfolio substanziell zu erweitern.
Gefühlte versus tatsächliche Diversifikation
Anleger mit drei oder vier ETFs im Depot erleben sich als gut diversifiziert. Tatsächlich kann ihr effektives Portfolio einer konzentrierten Auswahl weniger dominanter Einzeltitel ähneln, wenn diese in jedem gehaltenen ETF stark vertreten sind. Die Anzahl der Produkte sagt nichts über die Anzahl der echten Risikoquellen aus. Diversifikation entsteht nicht durch das Hinzufügen weiterer ETFs, sondern durch das Hinzufügen von Positionen, die sich unabhängig voneinander entwickeln.
ETF-Überschneidungen prüfen: Methoden und Vorgehensweise
Wer ein konkretes Klumpenrisiko im Depot vermutet, braucht mehr als ein Bauchgefühl. Die folgenden Schritte zeigen, wie sich Überschneidungen systematisch aufdecken lassen.
Schritt 1: Positionen beschaffen
Der erste Schritt ist der Zugang zu den tatsächlichen Fondspositionen. ETF-Anbieter veröffentlichen die vollständige Zusammensetzung ihrer Produkte auf den jeweiligen Produktseiten, in der Regel als downloadbare CSV- oder Excel-Datei. Diese Listen werden meist täglich aktualisiert und zeigen jede Portfolioposition mit ihrer prozentualen Gewichtung. Ergänzend enthalten die offiziellen KIID-Dokumente (Key Investor Information Document) grundlegende Informationen zur Fondszusammensetzung. Für eine belastbare Overlap-Analyse sind die vollständigen Positionslisten der Anbieter-Webseiten die bessere Quelle.
Schritt 2: Manueller Gewichtungsvergleich
Die Positionslisten beider ETFs werden in einer Tabellenkalkulation nebeneinandergestellt. Über eine SVERWEIS-Funktion oder eine einfache Duplikatsuche lassen sich gemeinsame Positionen identifizieren. Für jede überlappende Position werden die Gewichtungen aus beiden ETFs notiert. Anschließend werden diese Anteile summiert und ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Positionen gesetzt. Das Ergebnis ist die positionsbasierte Overlap-Rate.
Schritt 3: Effektive Gewichtung berechnen
Die Overlap-Rate allein ist nicht ausreichend. Entscheidend ist, wie stark die überlappenden Positionen im kombinierten Portfolio tatsächlich vertreten sind. Das hängt direkt von der Kapitalaufteilung ab. Wer 80 Prozent seines Kapitals in ETF A und 20 Prozent in ETF B investiert, gewichtet die Überschneidungen aus ETF A entsprechend stärker. Die effektive Gewichtung einer überlappenden Position ergibt sich aus der Multiplikation ihrer ETF-internen Gewichtung mit dem Anteil dieses ETFs am Gesamtportfolio. Erst diese Rechnung zeigt, welchen realen Anteil eine einzelne Aktie am Gesamtdepot hat.
Analyse-Tools und visuelle Darstellung
Der manuelle Weg ist lehrreich, aber zeitaufwendig. Portfolio-Analyse-Plattformen wie Investboard übernehmen diesen Prozess automatisch: Sie lesen die Fondszusammensetzung aus, erkennen gemeinsame Positionen und berechnen die effektiven Gewichtungen auf Ebene des Gesamtportfolios. Sehen Sie nicht nur, was Sie besitzen. Sehen Sie, was es bedeutet.
Besonders hilfreich ist die Darstellung als Heatmap. Sie visualisiert alle Einzelpositionen nach Gewichtung, sodass Klumpen sofort ins Auge fallen. Wer eine Umschichtung plant, kann in der Ansicht vorab prüfen, wie sich eine veränderte ETF-Gewichtung auf die Konzentration einzelner Titel auswirkt. Dieses Szenario-Denken vor dem tatsächlichen Kauf ist der praktische Unterschied zwischen gefühlter und fundierter Entscheidung.
ETF-Zusammensetzung vergleichen: Typische Kombinationen mit hohem Overlap
Wer die Methoden zur Overlap-Messung kennt, kann sie gezielt auf die häufigsten Problemkombinationen anwenden. Einige ETF-Paare erzeugen strukturell hohen Overlap, unabhängig vom Anbieter oder der konkreten Produktvariante.
MSCI World und MSCI Europe
Europa ist im MSCI World bereits mit rund 15 bis 20 Prozent gewichtet. Wer einen Europa-ETF ergänzt, ohne die Kapitalverteilung zu justieren, gewichtet europäische Aktien im Gesamtportfolio doppelt. Bei einer 50/50-Aufteilung kann der effektive Europa-Anteil schnell auf über 50 Prozent steigen, obwohl das Portfolio global ausgerichtet wirkt.
MSCI World und S&P 500
Dies ist eine der verbreitetsten Overlap-Fallen. Der MSCI World gewichtet US-amerikanische Aktien mit über 72 Prozent. Ein zusätzlicher S&P-500-ETF bedeutet, dass dieser bereits dominante Anteil im Portfolio nochmals übergewichtet wird. Das Ergebnis ist ein starkes Klumpenrisiko in US-Aktien, das die nominale Breite des Portfolios vollständig aushöhlt.
Globaler ETF und Technologie-ETF
Informationstechnologie macht im MSCI World rund 29,8 Prozent aus, die zehn größten Einzelpositionen vereinen etwa 26,6 Prozent des Index auf sich, darunter mehrheitlich Technologiewerte. Ein separater Technologie-ETF hält dieselben Schwergewichte, nur noch konzentrierter. Die Kombination verdoppelt faktisch das Gewicht dieser Titel, ohne neue Positionen ins Portfolio zu bringen. Das Problem bleibt unsichtbar, solange nur Produktnamen verglichen werden, nicht die tatsächliche Zusammensetzung der gehaltenen Positionen.
ESG-ETF und klassischer Marktbreiten-ETF
Nachhaltigkeitsfilter schließen primär kleine und mittlere Unternehmen aus, die ohnehin niedrig gewichtet sind. Die Großkonzerne, die den Index dominieren, erfüllen ESG-Kriterien häufig, weil sie die nötigen Reporting-Strukturen und Ressourcen besitzen. Das Ergebnis: Ein ESG-ETF und sein klassisches Pendant halten in den obersten Gewichtungsstufen weitgehend identische Positionen. Die gefühlte Differenzierung durch das Nachhaltigkeitslabel verdeckt den strukturellen Overlap.
Core-Satellite-Strategien mit schlechtem Fit
Core-Satellite-Ansätze sind konzeptionell sinnvoll, scheitern aber in der Praxis oft an der Auswahl des Satelliten-ETFs. Wer als Kern einen globalen ETF hält und als Satellit einen weiteren US-lastigen oder technologiegetriebenen ETF ergänzt, verstärkt die ohnehin dominanten Positionen. Der Diversifikationseffekt der Strategie entsteht nur, wenn der Satellit echte Ergänzungen liefert, etwa über Schwellenländer, Small Caps oder andere Assetklassen, die im Kern-ETF unterrepräsentiert sind.
Echte versus gefühlte Diversifikation: Warum Anleger Overlap systematisch übersehen
Dass die beschriebenen Kombinationen so häufig vorkommen, liegt nicht allein an mangelndem Wissen. Dahinter stecken kognitive Muster, die systematisch dazu führen, Overlap zu übersehen.
Der naive Diversifikationsfehler
Die Behavioral-Finance-Forschung beschreibt einen gut belegten Effekt: Anleger setzen eine größere Anzahl von Produkten automatisch mit stärkerer Diversifikation gleich. Benartzi und Thaler zeigen, dass Anleger Kapital oft gleichmäßig auf verfügbare Fonds verteilen, die sogenannte 1/N-Heuristik, ohne die tatsächliche Überlappung der Positionen zu prüfen. Mehr ETFs bedeutet in dieser Logik automatisch mehr Streuung. Der Fehler liegt nicht in der Absicht, sondern im fehlenden Überprüfungsschritt.
Namen als kognitive Anker
ETF-Bezeichnungen wie „Global", „Sustainable", „Dividend" oder „Quality" erzeugen den Eindruck klar getrennter Anlageuniversen. Tatsächlich greifen alle diese Produkte überwiegend auf denselben Pool großer, liquider Unternehmen zurück. Ein ESG-ETF und ein klassischer Marktbreiten-ETF können 60 bis 70 Prozent identische Positionen aufweisen, obwohl ihre Namen verschiedene Strategien suggerieren. Der Produktname ersetzt die Analyse, ohne sie zu ersetzen.
Fehlende Transparenz als Verstärker
Wer sein Depot nur als Liste von Produktnamen betrachtet, sieht keine Überschneidungen. Overlap entsteht auf Ebene der Einzelpositionen, bleibt aber in der Depotansicht der meisten Broker vollständig unsichtbar. Ohne einen systematischen Blick auf die tatsächliche Zusammensetzung, also auf die zugrundeliegenden Aktien und ihre kombinierten Gewichte, ist das Problem schlicht nicht erkennbar.
Bestätigungsfehler bei der Portfolio-Überprüfung
Ein weiterer Mechanismus verstärkt das Problem: Wer eine ETF-Kombination einmal gewählt hat, sucht bei späteren Überprüfungen tendenziell nach Informationen, die diese Wahl bestätigen. Steigende Renditen oder positive Marktphasen werden als Beleg für die richtige Strategie interpretiert, während die strukturelle Frage nach der echten Risikostreuung ausbleibt. Gathergood et al. beschreiben dies als „Narrow Framing", die Tendenz, Entscheidungen isoliert zu bewerten statt im Kontext des Gesamtportfolios.
Die entscheidende Frage beim nächsten ETF-Kauf
Der praktische Ausweg aus diesen Denkfallen ist eine einzige Leitfrage: Bringt dieser ETF echte neue Positionen oder Regionen ins Portfolio, die bisher nicht vertreten sind? Nicht die Anzahl der Produkte, sondern der tatsächliche Beitrag zur Streuung entscheidet über den Mehrwert. Wer ETF-Sparpläne plant oder bestehende Positionen ergänzen möchte, findet bei vertiefenden Artikeln und Rechnern zu ETF-Sparplänen eine strukturierte Grundlage für diese Prüfung.
Was tun bei hohem Overlap? Konkrete Handlungsoptionen für bessere ETF-Diversifikation
Wer erkannt hat, dass sein Portfolio mehr Overlap enthält als gewünscht, steht vor einer konkreten Entscheidung: Was ist der sinnvollste nächste Schritt? Es gibt drei grundlegende Handlungsoptionen, die sich je nach Situation kombinieren lassen.
Option 1: Einen ETF ersetzen
Der direkteste Weg ist der Austausch eines der überlappenden ETFs durch ein Produkt, das echte neue Positionen ins Portfolio bringt. Wer beispielsweise einen globalen ETF mit einem Europa-ETF kombiniert, könnte den Europa-ETF durch einen Schwellenländer-ETF ersetzen, der strukturell andere Unternehmen, Währungen und Konjunkturzyklen abbildet. Alternativ bietet ein Small-Cap-ETF Zugang zu kleineren Unternehmen, die in marktkapitalisierungsgewichteten Standardindizes kaum vertreten sind. Ein Anleihen-ETF wiederum bringt eine andere Anlageklasse ins Spiel, die nicht denselben Wertpapierbestand teilt. Hilfreiche Überlegungen zu passenden Produkten finden sich im Artikel Den richtigen ETF wählen.
Option 2: Gewichtung anpassen
Wer bestehende Positionen nicht vollständig aufgeben möchte, kann die Kapitalaufteilung zwischen den ETFs gezielt verschieben. Wenn der Overlap bekannt ist, lässt sich berechnen, welches effektive Gesamtgewicht die überlappenden Positionen im kombinierten Portfolio haben. Die Konsequenz: Das Kapital wird so umverteilt, dass diese Positionen im Zielbereich bleiben, ohne einen ETF vollständig zu verkaufen. Diese Option ist besonders relevant, wenn steuerliche Aspekte einen vollständigen Tausch ungünstig machen.
Option 3: Assetklassen ergänzen statt weitere Aktien-ETFs hinzufügen
Ein häufiger Fehler ist die Annahme, mehr Diversifikation entstehe durch mehr Aktien-ETFs. Tatsächlich bringt ein weiterer Aktien-ETF meist nur marginale Streuung, solange er denselben Unternehmenspool abbildet. Anleihen, Rohstoffe und Immobilien-ETFs korrelieren historisch deutlich geringer mit Aktien und reduzieren das Gesamtrisiko im Portfolio strukturell, nicht nur optisch. Wer echte Risikostreuung anstrebt, denkt in Assetklassen, nicht in ETF-Anzahl.
Vor dem Kauf prüfen
Die effektivste Maßnahme ist präventiv: Bevor ein neuer ETF ins Depot aufgenommen wird, sollte die Overlap-Rate mit den bestehenden Positionen bekannt sein. Ein ETF, der 70 Prozent seiner Positionen mit dem bestehenden Portfolio teilt, liefert kaum Diversifikationsbeitrag, unabhängig davon, wie anders sein Name klingt.
Szenarien mit Investboard testen
Die Portfolio-Analyse von Investboard macht sichtbar, wie sich ein neuer ETF konkret auf die Zusammensetzung des Gesamtportfolios auswirkt: Welche Positionen kommen neu hinzu, welche werden doppelt gewichtet, und wie verändert sich die Risikokonzentration? Statt Entscheidungen auf Basis von Produktnamen zu treffen, können Anleger die Auswirkungen vor der Umsetzung prüfen und gezielt steuern.
Fazit: Weniger ETFs mit echtem Mehrwert schlagen viele ETFs mit Overlap
Wer nach der Lektüre dieses Artikels eines mitnimmt, sollte es dieses sein: Mehr ETFs bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit. ETF-Overlap ist kein seltener Sonderfall, sondern ein strukturelles Merkmal, das bei populären Kombinationen wie einem globalen ETF plus einem regionalen ETF fast zwangsläufig entsteht. Die Marktkapitalisierungsgewichtung sorgt dafür, dass dieselben Schwergewichte immer wieder auftauchen, egal wie unterschiedlich die Produktnamen klingen.
Diversifikation ist eine Frage der Substanz, nicht der Anzahl. Entscheidend ist, ob ein weiterer ETF echte neue Positionen, Regionen oder Assetklassen ins Portfolio bringt, die bisher nicht vertreten sind. Ein zweiter Aktien-ETF mit 60 Prozent Überschneidung verteilt kein Risiko, er verdoppelt es.
Der Schlüssel liegt in der systematischen Analyse. Wer die Zusammensetzung seiner ETFs konkret vergleicht, statt sich auf Produktnamen zu verlassen, kennt sein tatsächliches Risikoprofil. Er weiß, welche zehn Positionen sein Portfolio faktisch dominieren, und kann bewusst entscheiden, ob das seinen Anlagezielen entspricht. Diese Klarheit ist der Unterschied zwischen gefühlter und echter Diversifikation.
Genau hier setzt Investboard an. Die Plattform analysiert die Einzelpositionen aller ETFs im Depot automatisch, erkennt Überschneidungen und stellt sie visuell dar. Anleger sehen auf einen Blick, welche Werte wie oft und mit welchem Gesamtgewicht vertreten sind, ohne manuelle Tabellenarbeit. Das macht Klumpenrisiken sichtbar, bevor sie sich in Verlusten materialisieren.
Der konkrete nächste Schritt
Drei Maßnahmen helfen sofort weiter:
Overlap prüfen: Die Positionen der eigenen ETFs gegenüberstellen und die Überschneidungsrate bestimmen.
Effektive Gewichtung berechnen: Die zehn größten Positionen im kombinierten Portfolio identifizieren und deren Gesamtanteil ermitteln. Übersteigt eine einzelne Position zwei bis drei Prozent des Gesamtportfolios, ist Aufmerksamkeit angebracht.
Bewusst entscheiden: Entspricht die tatsächliche Zusammensetzung den eigenen Zielen und der gewünschten Risikostreuung, oder handelt es sich um ein historisch gewachsenes Depot ohne klare Logik?
Ein schlankes Portfolio aus zwei bis drei komplementären ETFs mit klar unterschiedlichen Anlageuniversen leistet in der Regel mehr für die echte Risikostreuung als ein Depot mit sechs überlappenden Produkten. Weniger, aber durchdachter: Das ist der Kern einer robusten ETF-Strategie.