Für die meisten Anlegerinnen und Anleger schlägt weniger Handeln das viele Handeln, weil Aktivität sich produktiv anfühlt, aber in der Regel Rendite kostet.
Es gibt einen Reflex, der sich im Depot teuer bezahlt macht: das Gefühl, etwas tun zu müssen. Märkte schwanken, Schlagzeilen drängen, und Untätigkeit fühlt sich an wie Nachlässigkeit. Doch die nüchterne Beobachtung vieler Studien deutet in eine andere Richtung. Für die meisten Anlegerinnen und Anleger gilt: Wer weniger handelt, behält am Ende mehr. Aktivität fühlt sich produktiv an, kostet aber in der Regel Rendite.
Ein fallender Kurs erzeugt Unbehagen, und Unbehagen verlangt nach Handlung. Eine Order zu platzieren, eine Position zu drehen, das Depot umzuschichten: Das alles vermittelt das Gefühl, die Lage im Griff zu haben. Stillhalten dagegen fühlt sich passiv an, fast wie Versagen.
Dieses Gefühl ist menschlich, aber es ist ein schlechter Ratgeber. Der Markt belohnt nicht den Aufwand, sondern die Geduld. Jede Transaktion verspricht Kontrolle und liefert zugleich etwas, das im Stillhalten nicht entsteht: Kosten, Steuerwirkungen und die Gelegenheit, zum falschen Zeitpunkt das Falsche zu tun. Die Tätigkeit beruhigt die Nerven. Sie verbessert selten das Ergebnis.
Der Markt belohnt nicht den Aufwand, sondern die Geduld.
Die bekannteste Untersuchung zu dieser Frage stammt von Brad Barber und Terrance Odean. In ihrer Studie „Trading Is Hazardous to Your Wealth“ (Journal of Finance, 2000) werteten sie die Depots von 66.465 US-Haushalten bei einem großen Discount-Broker aus, über das Zeitfenster von 1991 bis 1997.
Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Haushalte, die am meisten handelten, erzielten netto nur 11,4 % pro Jahr, während der Markt im selben Zeitraum 17,9 % brachte. Der Durchschnittshaushalt kam auf 16,4 % netto und schichtete dabei rund 75 % seines Depots pro Jahr um. Die am wenigsten aktive Gruppe lag mit 18,5 % netto am höchsten, sogar leicht über dem Markt.
| Gruppe | Nettorendite pro Jahr |
|---|---|
| Aktivste Händler (höchster Umschlag) | 11,4 % |
Nein. Nichtstun meint diszipliniertes Unterlassen, nicht Vernachlässigung. Vorausgesetzt ist eine durchdachte, diversifizierte Aufteilung, die Sie nach Regeln gelegentlich ausbalancieren, statt bei jeder Marktbewegung zu reagieren. Das Gegenteil von ständigem Handeln nach Bauchgefühl.
In ihrer Studie von 2000 (66.465 US-Haushalte, 1991 bis 1997) erzielten die aktivsten Händler netto 11,4 % pro Jahr, der Durchschnittshaushalt 16,4 %, während der Markt 17,9 % brachte. Die Bruttorenditen waren über alle Gruppen nahezu gleich. Nicht die Titelauswahl, sondern Handelskosten und Häufigkeit schmälerten die Nettorendite.
Die Daten stammen aus den 1990er-Jahren und sind kein Versprechen künftiger Renditen. Nullprovision beseitigt die Provision, verschiebt die Kosten aber in Geld-Brief-Spanne und Slippage. Der eigentliche Treiber, Selbstüberschätzung und häufiges Handeln, bleibt. Der Grundsatz weniger zu handeln gilt qualitativ weiter.
| Durchschnittshaushalt (Umschlag rund 75 %) | 16,4 % |
| Markt im selben Zeitraum | 17,9 % |
| Am wenigsten aktive Gruppe | 18,5 % |
Der entscheidende Befund liegt im Mechanismus. Die Bruttorenditen waren über alle Umschlagsklassen hinweg nahezu identisch. Die Vielhändler wählten also keineswegs schlechtere Aktien als die Stillhalter. Was ihre Nettorendite zerstörte, waren nicht falsche Titel, sondern die Handelskosten und die Häufigkeit des Handelns selbst. Je öfter gehandelt wurde, desto mehr Rendite versickerte in Gebühren und Spreads, ohne dass die Auswahl der Papiere dies wettmachte.
Illustrative Darstellung des Renditeabstands aus Barber und Odean (2000), US-Discount-Broker-Daten der 1990er-Jahre. Markt auf 100 indexiert, kein Versprechen künftiger Renditen.
Barber und Odean führen das viele Handeln und die schwache Wertentwicklung auf dieselbe Ursache zurück: Selbstüberschätzung (engl. overconfidence). Wer überzeugt ist, mehr zu wissen als der Markt, handelt häufiger, weil jede vermeintliche Einsicht zur Tat drängt. Genau diese Überzeugung ist statistisch unbegründet, und die Kosten des Handelns bleiben.
Eine zweite Studie der beiden Autoren, „Boys Will Be Boys“ (Quarterly Journal of Economics, 2001), macht den Punkt anschaulich. In den Depots von rund 35.000 Haushalten zwischen 1991 und 1997 handelten Männer 45 % häufiger als Frauen. Der Handel schmälerte die Nettorendite der Männer um 2,65 Prozentpunkte pro Jahr, die der Frauen um 1,72 Prozentpunkte. Beide Gruppen schadeten sich selbst, die Männer nur um rund 0,9 Prozentpunkte mehr. Der Portfolioumschlag lag bei rund 77 % (Männer) gegenüber rund 53 % (Frauen). Das Geschlecht dient hier lediglich als Stellvertreter für die Neigung zur Selbstüberschätzung, nicht als Aussage über Fähigkeit.
Eine verwandte Verzerrung verstärkt das Bild: der Dispositionseffekt, also die Neigung, Gewinner zu früh zu verkaufen und Verlierer zu lange zu halten. Auch er treibt unnötiges Handeln an. Das deutet darauf hin, dass die Wurzel des Problems nicht im Markt liegt, sondern in vorhersehbaren Mustern unseres eigenen Verhaltens.
Nichtstun ist nicht Vernachlässigung. Es ist diszipliniertes Unterlassen. Der Unterschied ist wesentlich.
Ein vernachlässigtes Depot ist eines, das nie eingerichtet, nie diversifiziert, nie überprüft wurde. Diszipliniertes Unterlassen setzt das Gegenteil voraus: eine durchdachte Aufteilung, eine klare Strategie und dann die Entschlossenheit, sie nicht bei jeder Marktbewegung wieder aufzureißen. Es bedeutet, gelegentlich und nach Regeln auszubalancieren, statt ständig und nach Bauchgefühl zu reagieren.
Praktisch heißt das: Nicht jede Schlagzeile ist ein Handlungssignal. Nicht jeder Kursrückgang verlangt eine Reaktion. Die Aufgabe besteht oft darin, eine gute Entscheidung einmal zu treffen und sie dann in Ruhe zu lassen. Was wie Passivität aussieht, ist in Wahrheit die schwerste Form der Selbstkontrolle.
Man könnte einwenden, die Daten von Barber und Odean stammten aus den 1990er-Jahren, als jede Order Provision kostete. Heute handeln viele Plattformen ohne explizite Kommission. Ist das Problem damit erledigt?
Nein. Der Wegfall der Provision verschiebt die Kosten nur, er beseitigt sie nicht. Geld geht weiterhin verloren über die Geld-Brief-Spanne, über Slippage beim Ausführen und, am wichtigsten, über das Verhalten selbst. Wenn Handeln noch leichter und reibungsloser wird, sinkt die Hemmschwelle, und die Versuchung zur aufmerksamkeits- und stimmungsgetriebenen Fehlentscheidung steigt eher, als dass sie fällt. Der eigentliche Treiber des Schadens war nie allein die Gebühr. Er war die Häufigkeit und die Selbstüberschätzung dahinter.
Kernaussagen
Das Unbehagen, nichts zu tun, ist real. Aber die Beweislage deutet darauf hin, dass dieses Unbehagen der Preis der besseren Entscheidung ist, nicht ihr Gegenargument. Für die meisten Anlegerinnen und Anleger ist die produktivste Handlung am Markt, eine durchdachte Strategie aufzubauen und ihr dann die Zeit zu geben, die sie braucht. Nichtstun gewinnt nicht, weil es bequem ist. Es gewinnt, weil es weniger kostet.
Machen Sie die Kosten der Aktivität sichtbar
Die Plan-Alignment-Ansicht und die Cost-of-Tinkering-Ansicht zeigen den Euro-Betrag, den jede Umschichtung kostet. So wird Nichtstun zu einer messbaren Entscheidung statt zu einem unguten Gefühl.
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