Finanzielle Unabhängigkeit mit deutscher Steuerbelastung planen
FIRE ist keine Zahl, sondern eine Frage: Wie viel Vermögen trägt ein Leben, in dem Arbeit zur Wahl wird statt zur Pflicht? Die Bewegung kommt aus den USA, und mit ihr eine eingängige Faustregel, das 25-fache der Jahresausgaben, vier Prozent Entnahme. In Deutschland trägt diese Regel nur bedingt. Steuern, ein längerer Zeithorizont und die Krankenversicherung verschieben die Rechnung leise, aber spürbar.
Dieser Leitfaden ordnet die Bausteine. Er ersetzt keine Beratung, und er verspricht keine Sicherheit, die es bei langen Zeiträumen nicht gibt. Er beschreibt, was sich aus den verfügbaren Daten ableiten lässt, und überlässt Ihnen die Entscheidung.
Finanzielle Unabhängigkeit ist weniger ein Ziel als ein Zustand, in dem das Portfolio die Ausgaben trägt, nicht die nächste Gehaltszahlung.
FIRE steht für "Financial Independence, Retire Early", finanzielle Unabhängigkeit und früher Ruhestand. Der Kern ist schlicht: Wer ein Vermögen aufbaut, das groß genug ist, um die laufenden Ausgaben dauerhaft aus seinen Erträgen und einer maßvollen Entnahme zu decken, ist nicht mehr auf Erwerbsarbeit angewiesen. Ob man danach gar nicht mehr, weniger oder anders arbeitet, ist eine persönliche Frage, keine finanzielle.
Die intellektuelle Grundlage stammt aus zwei Arbeiten. William Bengen veröffentlichte 1994 im Journal of Financial Planning die ursprüngliche Vier-Prozent-Untersuchung: Auf Basis US-amerikanischer Marktdaten ab 1926, eines Portfolios aus dem S&P 500 und mittelfristigen US-Staatsanleihen und eines Mindesthorizonts von 30 Jahren entnahm ein Anleger im ersten Jahr vier Prozent des Vermögens und hielt diesen Eurobetrag danach real konstant, also inflationsbereinigt. Die Trinity-Studie von 1998 (Cooley, Hubbard und Walz, Trinity University) prüfte diese Idee systematisch über US-Daten von 1926 bis 1995, für Horizonte von 15, 20, 25 und 30 Jahren und verschiedene Aktien-Anleihen-Mischungen.
Das Ergebnis, das die Bewegung prägte: Ein aktienlastiges Portfolio überstand eine Entnahme von vier Prozent über 30 Jahre historisch fast immer, in der Größenordnung von rund 95 Prozent der untersuchten Zeitfenster. Daraus leitet sich die berühmte 25er-Regel ab, denn 25 ist schlicht der Kehrwert von vier Prozent (1 / 0,04).
Die Trinity-Studie ist ein historischer Rückblick auf den US-Markt, keine Garantie und kein weltweites Naturgesetz. Sie modelliert weder Steuern noch Fondskosten. Bengen selbst nannte für Zeiträume von 50 Jahren und mehr eher rund drei Prozent als "absolut sicher". Für deutsche Anleger ist das die wichtigere Zahl.
FIRE ist kein einheitliches Programm, sondern eine Familie von Lebensentwürfen. Sie unterscheiden sich vor allem in der unterstellten Ausgabenhöhe und in der Frage, ob weiter eingezahlt oder schon entnommen wird. Die folgenden Begriffe stammen aus der Community, nicht aus dem Gesetz, sie sind Planungsbilder, keine Rechtsformen.
| Variante | Unterscheidendes Merkmal | Grobe Faustzahl |
|---|---|---|
| Regular | Vollständiger Ausstieg bei normalem Budget | rund 29× bis 33× (US-Faustregel 25×) |
| Lean | Bewusst minimales Budget, früherer Ausstieg | kleinere Zielsumme, dafür wenig Puffer |
| Fat | Großzügiges Budget, hoher Lebensstandard | deutlich höhere Zielsumme |
| Coast | Genug gespart, dass der Zinseszins allein bis zum klassischen Rentenalter reicht; Einzahlung stoppt | Zielvermögen wird nicht mehr aktiv aufgestockt |
Der Name "Barista" stammt aus den USA, wo ein Teilzeitjob, etwa in einem Café, Zugang zur Krankenversicherung des Arbeitgebers verschaffte. In Deutschland verschiebt sich die Logik: Hier liegt der eigentliche Hebel von Barista-FIRE darin, durch eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in der günstigeren Pflichtversicherung zu bleiben und das Einkommen aufzustocken, statt sich teuer freiwillig zu versichern. Dazu später mehr.
Die Grundformel ist einfach: Die FIRE-Zahl ist das Vielfache Ihrer jährlichen Ausgaben, das nötig ist, um sie dauerhaft aus dem Portfolio zu decken. Das Vielfache ist der Kehrwert der gewählten Entnahmerate. Bei vier Prozent ergibt das 25, bei 3,5 Prozent rund 29, bei drei Prozent rund 33.
FIRE-Zahl
FIRE-Zahl = Jahresausgaben ÷ sichere Entnahmerate
Für deutsche Anleger ist die Vier-Prozent-Regel eher eine Obergrenze als ein Planungsanker. Drei voneinander unabhängige Faktoren ziehen die historisch tragfähige Rate nach unten, und sie addieren sich:
Kernaussagen
Die genannten Vielfachen sind eine an der Historie kalibrierte Planungsheuristik, kein Versprechen. Das Reihenfolge-Risiko der Renditen bedeutet, dass jede fest gewählte Rate scheitern kann, wenn die ersten Jahre nach dem Ausstieg schlecht verlaufen. Eine niedrigere Rate kauft Sicherheitsmarge, keine Garantie.
Hier liegt das am häufigsten missverstandene Detail. Wer vier Prozent entnimmt und davon pauschal 26,375 Prozent Steuer abzieht, überschätzt die Belastung deutlich. Der Grund: Besteuert wird nur der im verkauften Anteil enthaltene Gewinn, niemals das zurückgezahlte Kapital (§ 20 Abs. 4 EStG).
Die Abgeltungsteuer beträgt 26,375 Prozent, zusammengesetzt aus 25 Prozent Kapitalertragsteuer (§ 32d EStG) und 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag darauf. Mit Kirchensteuer (acht oder neun Prozent) liegt sie etwas höher. Bei Aktienfonds greift zuvor die Teilfreistellung: 30 Prozent der Erträge bleiben für Privatanleger steuerfrei (§ 20 InvStG), der effektive Satz auf Aktienfonds-Gewinne sinkt damit auf 26,375 Prozent × 0,70 = 18,4625 Prozent. Zusätzlich steht jedem der Sparerpauschbetrag von EUR 1.000 zu, bei Ehepaaren EUR 2.000 (§ 20 Abs. 9 EStG).
Ein deterministisches Rechenbeispiel, beispielhaft und keine Prognose, für einen alleinstehenden Anleger mit einem reinen Aktien-ETF und ohne Kirchensteuer:
Beispielrechnung Entnahmejahr (EUR 1.000.000 Portfolio, 4 % Entnahme)
Entnahme = EUR 40.000 · enthaltener Gewinn (50 %) = EUR 20.000 × 0,70 Teilfreistellung = EUR 14.000 − EUR 1.000 Sparerpauschbetrag = EUR 13.000 steuerpflichtig × 26,375 % = EUR 3.428,75 Steuer
Die Steuer von EUR 3.428,75 entspricht rund 8,57 Prozent der Entnahme, nicht den vermeintlichen 26,375 Prozent. Umgerechnet auf das Portfolio sind das etwa 0,34 Prozentpunkte Steuer-Drag, die Nettoentnahme liegt in diesem Beispiel (50 Prozent Gewinnanteil) also bei rund 3,66 Prozent statt vier Prozent und steigt über die Jahre mit dem FIFO-Gewinnanteil. Wichtig ist die Reihenfolge: erst Teilfreistellung, dann Sparerpauschbetrag.
| Sicht | Abgezogene Steuer auf EUR 40.000 | Effektive Belastung |
|---|---|---|
| Naive Rechnung (26,375 % auf alles) | EUR 10.550 | überschätzt für dieses Beispiel rund 3-fach |
| Korrekt: nur Gewinn, nach Teilfreistellung und Freibetrag | EUR 3.428,75 | rund 8,57 % der Entnahme |
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens ist die Überschätzung der naiven Rechnung nicht konstant: Die FIFO-Regel (§ 20 Abs. 4 S. 7 EStG) schreibt vor, dass je Depot die ältesten Anteile zuerst verkauft werden. Über die Jahrzehnte steigt damit der enthaltene Gewinnanteil, der angenommene 50-Prozent-Wert ist eine Momentaufnahme, früh ist er kleiner, später größer. Zweitens ist dies eine reine Steuerbetrachtung. Der größere Posten vor dem Rentenalter ist meist die Krankenversicherung.
Wer früh aussteigt und weder angestellt noch über die Familienversicherung oder die Krankenversicherung der Rentner abgesichert ist, landet in der freiwilligen gesetzlichen Krankenversicherung. Deren Beiträge bemessen sich nach § 240 SGB V am gesamten Einkommen, einschließlich Kapitalerträgen und Mieteinkünften. Genau das macht sie für FIRE so teuer: Auf Kapitalerträge fallen dann Krankenversicherungs- und Pflegebeiträge zusätzlich zur Abgeltungsteuer an, bis zur Beitragsbemessungsgrenze.
Die maßgeblichen Werte für 2026:
| Größe (2026) | Wert | Bedeutung |
|---|---|---|
| Allgemeiner Beitragssatz | 14,6 % (ermäßigt 14,0 %) | Krankenversicherung, ohne Zusatz |
| Durchschnittlicher Zusatzbeitrag | 2,9 % | kassenabhängig |
| Pflegeversicherung | 3,6 % (kinderlos +0,6 %) | auf dieselbe Bemessung |
| Mindestbemessungsgrundlage | EUR 1.318,33 / Monat | Untergrenze auch bei wenig Einkommen |
| Mindestbeitrag (KV + PV) | rund EUR 270 bis 286 / Monat | fällt selbst bei nahezu null Einkommen an |
In Summe werden Kapital- und Mieteinkünfte in der freiwilligen GKV also mit rund 20,5 bis 21,1 Prozent (Kranken- plus Zusatz- plus Pflegebeitrag) belastet, oben gedeckelt durch die Beitragsbemessungsgrenze. Auch bei niedrigem Einkommen bleibt der Mindestbeitrag von rund EUR 270 bis 286 monatlich bestehen.
Drei Wege mindern diese Last:
Die Krankenversicherung der Rentner (KVdR) ist günstig, greift aber erst ab Rentenbezug und nach Erfüllung der Vorversicherungszeit (neun Zehntel der zweiten Hälfte des Erwerbslebens). Die Lücke davor deckt sie nicht.
FIRE-Zahl (nach Steuern)
EUR 689.051,26≈ 16.58 Jahre
Simuliert · 7 % p.a. angenommen · keine Renditeprognose
Zum vollständigen Rechner →Coast FIRE dreht die Logik um. Statt das volle Zielvermögen anzusparen und dann zu entnehmen, sparen Sie nur so viel an, dass der Zinseszins allein bis zum klassischen Rentenalter die FIRE-Zahl erreicht. Ab dem Erreichen der "Coast-Zahl" können Sie die Sparrate auf null senken und das Eingezahlte arbeiten lassen, während laufende Einkünfte nur noch die Lebenshaltung decken.
Coast-Zahl (Barwert der FIRE-Zahl)
Coast-Zahl = FIRE-Zahl ÷ (1 + r)^n
Erreicht ist das Ziel, sobald das aktuelle Portfolio × (1 + r)^n größer oder gleich der FIRE-Zahl ist. Dabei ist r die unterstellte reale Rendite pro Jahr und n die Zahl der verbleibenden Jahre. Der Reiz von Coast FIRE ist psychologisch wie finanziell: Der Druck, jeden Monat eine hohe Sparrate aufzubringen, entfällt früh.
Die Coast-Zahl reagiert extrem empfindlich auf die angenommene reale Rendite r. Schon ein Prozentpunkt weniger über 25 Jahre verschiebt das Ergebnis erheblich. Langfristige globale Aktienrenditen lagen historisch bei rund fünf Prozent real pro Jahr (Dimson-Marsh-Staunton, Kommer); für die Vorausplanung sind vier bis fünf Prozent real eine vorsichtigere Annahme. Das sind Annahmen, keine Zusagen.
Eine selbst genutzte Immobilie wirkt auf die FIRE-Zahl nicht über die Rendite, sondern über die Ausgabenseite. Wer mietfrei wohnt, hat geringere laufende Ausgaben, und da die FIRE-Zahl ein Vielfaches genau dieser Ausgaben ist, sinkt das benötigte Portfolio entsprechend. Bei einer Entnahmerate von 3,5 Prozent senkt eine wegfallende Jahresmiete von EUR 14.000 die FIRE-Zahl rein rechnerisch um rund das 29-fache, also etwa EUR 400.000. Das ist eine Modellbetrachtung, kein Versprechen.
Dem stehen reale Lasten gegenüber, die in der Begeisterung leicht untergehen. Das im Eigenheim gebundene Kapital steht nicht für das Portfolio zur Verfügung und erzeugt keine entnahmefähigen Erträge. Instandhaltung, Grundsteuer und Versicherung verursachen laufende Kosten, die die Mietersparnis schmälern. Und ein Eigenheim ist wenig liquide: Es lässt sich nicht in kleinen Tranchen verkaufen, wenn das Portfolio in einem schwachen Jahr geschont werden soll.
Ob die selbst genutzte Immobilie einen FIRE-Plan trägt, hängt vom Verhältnis aus eingespartem Wohnaufwand, gebundenem Kapital und laufenden Lasten ab. Beide Seiten lassen sich begründen: das mietfreie Wohnen als stabiler Anker, ebenso die Kapitalbindung als Bremse. Eine pauschale Antwort gibt es nicht.
Die folgenden Punkte sind allgemeine Planungsfragen, keine Empfehlung für Ihre persönliche Situation.
Alle Rechenbeispiele in diesem Beitrag sind beispielhaft und keine Prognose. Der Text erklärt allgemeine Prinzipien und ist keine individuelle Steuer- oder Anlageberatung. Steuerliche Werte und Sozialversicherungsgrößen gelten für 2026 und können sich ändern.
Ihre FIRE-Zahl, an Ihrem echten Portfolio
Im Investboard sehen Sie Entnahme, Steuern und Allokation für Ihr gesamtes Vermögen an einem Ort, beschrieben, nicht versprochen.
FIRE-Plan im Investboard ansehen →| Barista |
| Teilvermögen plus laufend ergänzende Teilzeitarbeit |
| Portfolio deckt nur einen Teil der Ausgaben |
| Beitragsbemessungsgrenze |
| EUR 5.812,50 / Monat (EUR 69.750 / Jahr) |
| darüber beitragsfrei |