Wie die Forschung von Kahneman, Tversky und Thaler die zwei tiefsten Denkfehler erklärt, die Anlegerinnen und Anleger leise Rendite kosten, und wie Sie sie erkennen.
Zwei Denkfehler kosten Anlegerinnen und Anleger über die Jahre wahrscheinlich mehr Rendite als jede Gebühr: die Verlustaversion und das Mental Accounting. Beide sind gut belegt, beide wirken leise, und beide lassen sich entschärfen, sobald man sie benennt. Dieser Text ordnet die Forschung von Kahneman, Tversky und Thaler ein und zeigt, woran Sie die Fehler im eigenen Verhalten erkennen.
Verlustaversion bedeutet: Ein Verlust schmerzt stärker, als ein gleich großer Gewinn erfreut. Mental Accounting bedeutet: Geld wird in getrennte, gedanklich nicht austauschbare „Konten“ sortiert, obwohl ein Euro überall derselbe Euro ist. Der erste Fehler verzerrt, wie wir Risiko empfinden. Der zweite verzerrt, wie wir Geld überhaupt einteilen. Treffen beide zusammen, entstehen Entscheidungen, die einzeln nachvollziehbar wirken und in Summe der Rendite schaden.
Kahneman und Tversky legten die Grundlage für den ersten Fehler, Thaler für den zweiten. Keiner der drei verspricht damit eine bessere Rendite. Sie beschreiben, wie Menschen tatsächlich entscheiden, und genau diese Beschreibung ist der Ausgangspunkt für ruhigere eigene Entscheidungen.
Den Kern dieses Fehlers beschrieben Kahneman und Tversky 1979 in ihrer Prospect Theory, erschienen in der Zeitschrift Econometrica. Es ist der meistzitierte Aufsatz, der je in dieser Zeitschrift veröffentlicht wurde. Die zentrale Beobachtung: Die sogenannte Wertfunktion verläuft im Verlustbereich steiler als im Gewinnbereich. Anders gesagt, ein Verlust von 1.000 Euro fühlt sich nicht wie das Spiegelbild eines Gewinns von 1.000 Euro an, sondern deutlich gewichtiger.
Wie groß ist dieser Unterschied? Tversky und Kahneman schätzten 1992 einen Koeffizienten der Verlustaversion von im Median rund 2,25. Verluste wiegen demnach etwa 2 bis 2,5 Mal so schwer wie betragsgleiche Gewinne.
Verlustaversion (Lambda)
Der Faktor Lambda von rund 2,25 ist ein Median über eine Stichprobe (Tversky und Kahneman, 1992), keine universelle Konstante und kein Versprechen über künftige Renditen. Er beschreibt die typische Stärke, mit der ein Verlust schwerer wiegt als ein gleich großer Gewinn.
Verluste wiegen im Median rund 2,25 Mal so schwer wie gleich große Gewinne. Diese Schieflage formt fast jede schwierige Anlageentscheidung.
Kahneman und Tversky zeigten in ihrer Prospect Theory (1979), dass die Wertfunktion im Verlustbereich steiler verläuft als im Gewinnbereich. Ein Verlust schmerzt stärker, als ein gleich großer Gewinn erfreut. Tversky und Kahneman schätzten 1992 einen Koeffizienten von im Median rund 2,25, Verluste wiegen also etwa 2 bis 2,5 Mal so schwer.
Odean untersuchte 1998 rund 10.000 Konten (1987 bis 1993). Der Anteil realisierter Gewinne lag bei 0,148, der realisierter Verluste nur bei 0,098. Ein Gewinner wurde also etwa 1,5-mal häufiger verkauft als ein Verlierer. Anleger sitzen auf Verlusten und verkaufen Gewinner zu früh.
Thaler beschrieb (1985, 1999), dass Menschen Geld in gedanklich getrennte, nicht austauschbare Konten sortieren, obwohl jeder Euro denselben Wert hat. Daraus entstehen widersprüchliche Entscheidungen, etwa wenn Buchgewinne als Spielgeld leichter riskiert werden als eingezahltes Kapital.
Aus dieser Schieflage folgt ein gut dokumentiertes Muster im Depot: der Dispositionseffekt. Odean untersuchte 1998 im Journal of Finance rund 10.000 Konten über den Zeitraum 1987 bis 1993. Ergebnis: Der Anteil realisierter Gewinne lag bei 0,148, der Anteil realisierter Verluste nur bei 0,098. Ein Gewinner wurde also etwa 1,5-mal so häufig verkauft wie ein Verlierer.
Die Mechanik dahinter ist dieselbe Steilheit. Weil Verluste so schwer wiegen, sitzen Anlegerinnen und Anleger auf ihren Verlustpositionen und hoffen auf den Einstandskurs, während sie Gewinner zu früh verkaufen, um den guten Eindruck festzuhalten. Das deutet darauf hin, dass nicht fehlendes Wissen, sondern der empfundene Schmerz die Entscheidung steuert. Unter Stress kann dieselbe Aversion umschlagen: aus dem Aussitzen wird dann der Panikverkauf. Das ist eine plausible Folge derselben Verzerrung, keine Zahl, die Odean gemessen hat.
Den zweiten Fehler beschrieb Thaler, zuerst 1985 in Marketing Science, später ausführlich in „Mental Accounting Matters“ (1999, Journal of Behavioral Decision Making). Seine Beobachtung: Menschen sortieren Geld in gedankliche Konten, die sie nicht als austauschbar behandeln. Daraus entstehen widersprüchliche Entscheidungen, obwohl jeder Euro denselben Wert hat. Thaler erhielt 2017 unter anderem für diese Arbeit den Wirtschaftsnobelpreis. Kahneman war bereits 2002 ausgezeichnet worden; Tversky war 1996 verstorben und damit nicht mehr berücksichtigungsfähig.
Ein gut belegter Spezialfall ist der House-Money-Effekt, beschrieben von Thaler und Johnson 1990 in Management Science. Nach einem vorangegangenen Gewinn steigt die Risikobereitschaft, weil der Gewinn als „Spielgeld des Hauses“ verbucht wird. Nach Verlusten werden umgekehrt Wetten attraktiv, die wenigstens auf den Einstand zurückführen. Für das Depot heißt das: Buchgewinne werden freier riskiert als eingezahltes Kapital, obwohl ein Euro Buchgewinn derselbe Euro ist wie ein eingezahlter.
Zwei alltägliche Bilder machen den Fehler greifbar. Erstens die Vorstellung, Dividenden und Zinsen seien „Einkommen“, das man ausgeben dürfe, während das Kapital unangetastet bleibt. Ökonomisch ist eine selbst hergestellte Ausschüttung (der Verkauf eines kleinen Anteils) damit gleichwertig, doch gefühlt sind es zwei verschiedene Töpfe. Zweitens das „Zwei-Taschen“-Bild: ein Topf für „sicheres“ Geld, ein zweiter für „Spielgeld“. Beide Bilder sind Beispiele, keine eigenständig belegten Studien, aber sie zeigen, wie selbstverständlich wir Geld in Schubladen denken.
Thaler nennt zwei weitere etablierte Folgen. Der Sunk-Cost-Fehler hält an einer Verlustposition fest, „weil schon so viel drinsteckt“. Und das enge gegenüber dem breiten Betrachten (narrow vs. broad bracketing): Wer einzelne Positionen statt des gesamten Depots beurteilt, verschärft die Verlustaversion, weil jede Position für sich allein einen möglichen Schmerzpunkt bildet.
Einzeln sind die Fehler ärgerlich. Gemeinsam verstärken sie sich. Das Mental Accounting zerlegt das Depot in viele kleine Einzelkonten, und die Verlustaversion sorgt dafür, dass jedes dieser Konten für sich verteidigt wird. Eine Verlustposition wird nicht im Licht des Gesamtdepots beurteilt, sondern als isolierter, schmerzhafter Posten, den man ungern realisiert.
| Denkfehler | Was er bewirkt | Gegenmittel |
|---|---|---|
| Verlustaversion (Lambda rund 2,25) | Verluste wiegen schwerer, Verlierer werden ausgesessen | Das Gesamtdepot beurteilen, nicht die Einzelposition |
| Dispositionseffekt | Gewinner zu früh verkauft, Verlierer zu lang gehalten | Vorab definierte Regeln statt Bauchgefühl im Moment |
| Mental Accounting | Euro wird je nach Topf unterschiedlich behandelt | Alle Mittel als ein Vermögen betrachten |
| House-Money-Effekt | Buchgewinne werden leichtfertiger riskiert | Buchgewinn wie eingezahltes Kapital behandeln |
So entsteht der stille Renditeverlust: Gewinner werden gekappt, bevor sie tragen, Verlierer binden Kapital im Wartezimmer, und Buchgewinne werden in riskanten Momenten verspielt, weil sie sich wie geschenktes Geld anfühlen. Keine einzelne Entscheidung wirkt grob falsch. Die Summe verschiebt das Ergebnis trotzdem messbar in die ungünstige Richtung.
Zwei Hebel folgen unmittelbar aus der Forschung. Der erste ist das breite Betrachten: Beurteilen Sie das gesamte Vermögen als eine Einheit, nicht jede Position einzeln. Das nimmt der Verlustaversion einen Teil ihrer Schärfe, weil ein einzelner roter Posten im Kontext eines Gesamtdepots seltener wie eine Niederlage wirkt.
Der zweite Hebel ist das Vorab-Festlegen. Die Verzerrungen wirken am stärksten im Moment der Entscheidung, also genau dann, wenn Schmerz und Hoffnung am lautesten sind. Wer Regeln im Voraus schriftlich fixiert (etwa zur Aufteilung, zum Umgang mit Gewinnern und Verlierern oder zum Nachkaufen), trifft die heikle Wahl in einem ruhigen Moment und nicht unter Druck.
Kernaussagen
Regeln, die im richtigen Moment für Sie entscheiden
Ein schriftliches Mandat, also vorab gesetzte Regeln, nimmt genau diesen Denkfehlern im Moment die Entscheidung aus der Hand. Investboard hält das Mandat fest und zeigt täglich, wie nah Ihr Vorgehen am Plan liegt.
Mein Mandat festlegen →| Sunk-Cost-Fehler | Festhalten, weil schon viel investiert wurde | Nur die künftige Aussicht zählt, nicht das Vergangene |