Drei Strategien für die Entnahmephase im Vergleich
Ein angespartes Portfolio in laufendes Einkommen zu übersetzen, ist eine andere Disziplin als das Ansparen selbst. In der Ansparphase arbeitet die Zeit für Sie; jeder schwache Markt ist ein Einkaufsfenster. In der Entnahmephase kehrt sich das Vorzeichen um. Jetzt verkaufen Sie Anteile, um zu leben, und ein schwacher Markt zur falschen Zeit kann dauerhaften Schaden anrichten. Die Entnahmestrategie ist die Regel, die festlegt, wie viel Sie jedes Jahr entnehmen und wie sich dieser Betrag über die Jahrzehnte verändern darf.
Es gibt nicht die eine richtige Strategie. Es gibt einen Kompromiss zwischen drei Größen, die sich nicht gleichzeitig maximieren lassen: die Stabilität Ihres Einkommens, der Erhalt Ihrer Kaufkraft und die Wahrscheinlichkeit, dass das Vermögen Ihren Zeithorizont überlebt. Jede der drei klassischen Strategien gewichtet diese Größen anders. Dieser Beitrag beschreibt sie, ordnet die steuerlichen Folgen einer deutschen Entnahme ein und benennt das Risiko, das alle drei verbindet: die Reihenfolge der Renditen.
In der Ansparphase ist ein Kurssturz eine Gelegenheit. In der Entnahmephase ist er eine Rechnung, die das Portfolio sofort begleicht.
Die drei Grundformen unterscheiden sich allein darin, wie der jährliche Entnahmebetrag bestimmt wird: als fixer Euro-Betrag, als ein mit der Inflation wachsender Betrag oder als fester Prozentsatz des jeweils aktuellen Portfoliowerts. Aus dieser einen Stellschraube folgen alle weiteren Eigenschaften, vom Inflationsschutz bis zur Schwankung des Einkommens.
| Strategie | Entnahmebetrag | Vorteil | Risiko |
|---|---|---|---|
| Konstant | Fixer EUR-Betrag pro Jahr | Planbar, sicheres Einkommen |
| Kaufkraftverlust bei Inflation |
| Inflationsangepasst | Steigt jährlich mit Inflationsrate | Kaufkraft erhalten | Portfolio stärker belastet |
| Prozentual | Fixer % des Portfoliowerts | Portfolio überlebt immer | Einkommen schwankt |
Eine vierte, regelbasierte Variante (dynamische Leitplanken nach Guyton-Klinger) verbindet Elemente der inflationsangepassten und der prozentualen Strategie. Sie behandeln wir am Ende, weil sie als Verfeinerung der klassischen Formen am besten zu verstehen ist. Lesen Sie die Tabelle nicht als Rangliste. Keine Zeile ist überlegen; jede tauscht eine Sorge gegen eine andere.
Bei der konstanten nominalen Entnahme legen Sie einen festen Euro-Betrag fest und entnehmen diesen Jahr für Jahr unverändert, etwa EUR 30.000 pro Jahr, gleichgültig ob das Portfolio steigt oder fällt. Es ist die einfachste denkbare Regel, und ihre Stärke ist die Planbarkeit: Sie wissen heute, welcher Betrag in zwanzig Jahren auf dem Konto landet.
Genau in dieser Konstanz liegt die stille Schwäche. Ein nominal fester Betrag verliert real an Wert, weil die Preise weitersteigen, während Ihre Entnahme stehen bleibt. Bei einer durchschnittlichen Teuerung von rund 2 Prozent pro Jahr halbiert sich die Kaufkraft eines festen Betrags über einen Zeitraum von etwa 35 Jahren. Die anfänglichen EUR 30.000 kaufen am Ende eines langen Ruhestands spürbar weniger als zu Beginn. Für einen kurzen Zeithorizont oder als Teilbaustein neben einer inflationsgeschützten Quelle (etwa der gesetzlichen Rente) ist die konstante Entnahme dennoch eine ruhige, vorhersehbare Wahl.
Eine konstante nominale Entnahme ist nicht zu verwechseln mit der konstanten realen Entnahme der 4-Prozent-Regel. Die 4-Prozent-Regel hält den Betrag real konstant, passt ihn also jährlich an die Inflation an. Das ist die zweite Strategie.
Die inflationsangepasste Entnahme ist die Strategie, die hinter der bekannten 4-Prozent-Regel steht. Sie entnehmen im ersten Jahr einen festgelegten Prozentsatz des Anfangsvermögens, klassisch 4 Prozent, und erhöhen diesen Euro-Betrag danach jedes Jahr um die Inflationsrate. Ihr Einkommen bleibt damit real konstant: Was Sie kaufen können, bleibt über die Jahre gleich, der Euro-Betrag wächst nur, um die Teuerung auszugleichen.
Die 4-Prozent-Regel hat eine konkrete Herkunft, die ihre Reichweite zugleich begrenzt. William Bengen zeigte 1994 im Journal of Financial Planning, dass eine Anfangsentnahme von 4 Prozent, danach inflationsangepasst, in der US-Geschichte ab 1926 jeden 30-Jahres-Zeitraum überstanden hätte. Die Trinity-Studie (Cooley, Hubbard und Walz, Trinity University, 1998) bestätigte dies für US-Daten von 1926 bis 1995: Ein aktienlastiges Portfolio hatte bei 4 Prozent über 30 Jahre eine historische Erfolgsquote von rund 95 Prozent, also fast immer Bestand.
Die 4-Prozent-Regel ist ein historischer US-Rückblick, kein Naturgesetz und keine weltweite Garantie. Sie modelliert weder Steuern noch Fondskosten und unterstellt einen Zeithorizont von 30 Jahren. Bengen selbst hielt für 50 Jahre und mehr eher rund 3 Prozent für "absolut sicher".
Aus dem Prozentsatz folgt der bekannte Multiplikator: 25 mal die jährlichen Ausgaben entsprechen 1 geteilt durch 0,04. Senkt man die Rate auf 3,5 Prozent, ergibt sich ein Faktor von rund 29; bei 3,0 Prozent rund 33. Für lange Frühruhestands-Horizonte von 40 bis 50 Jahren legen Analysen von Kitces, Pfau und anderen nahe, dass die historisch sichere Rate eher in Richtung 3,0 bis 3,5 Prozent fällt. Wir kommen im Abschnitt zur Strategiewahl darauf zurück, weil für einen deutschen Frühruhestand drei Faktoren unabhängig voneinander auf die Rate drücken.
Die Stärke dieser Strategie ist der erhaltene Lebensstandard. Ihr Preis ist die Starrheit: Weil Sie auch in schwachen Jahren weiter inflationsangepasst entnehmen, belastet sie das Portfolio in genau den Phasen am stärksten, in denen es am verwundbarsten ist. Das ist der Übergang zum Reihenfolge-Risiko.
Bei der prozentualen Entnahme entnehmen Sie jedes Jahr einen festen Prozentsatz des jeweils aktuellen Portfoliowerts, etwa 4 Prozent vom Stand zum Jahresbeginn. Steht das Portfolio bei EUR 800.000, entnehmen Sie EUR 32.000; ist es auf EUR 600.000 gefallen, sind es EUR 24.000.
Diese Strategie löst das Risiko, das die ersten beiden plagt: Da Sie immer einen Anteil und nie einen festen Betrag entnehmen, kann das Portfolio rechnerisch nie vollständig aufgezehrt werden. Es schrumpft in schlechten Jahren, kollabiert aber nicht. Der Preis dafür ist ein schwankendes Einkommen. In einem Jahr mit einem Markteinbruch von 25 Prozent sinkt auch Ihre Entnahme um ein Viertel, und das trifft genau dann, wenn Sie ohnehin nervös sind. Wer von dieser Entnahme leben muss, braucht entweder einen flexiblen Lebensstil oder einen Puffer, der die mageren Jahre überbrückt.
Die Steuer auf eine Entnahme wird in Deutschland oft überschätzt, weil eine naheliegende Faustregel falsch rechnet. Es ist nicht der entnommene Betrag, der besteuert wird, sondern allein der darin enthaltene Kursgewinn der verkauften Anteile (§ 20 Abs. 4 EStG). Das zurückfließende eingesetzte Kapital bleibt steuerfrei. Wer EUR 40.000 entnimmt, von denen die Hälfte ursprünglich eingezahltes Kapital ist, versteuert eben nicht EUR 40.000, sondern nur den Gewinnanteil.
Kernaussagen
Vier Bausteine bestimmen die tatsächliche Belastung, und ihre Reihenfolge ist entscheidend:
Reihenfolge der Steuerbausteine
Roher Gewinnanteil der verkauften Anteile, dann × 0,70 (Teilfreistellung), dann − Sparerpauschbetrag, dann × 26,375 % Abgeltungsteuer.
Ein deterministisches Beispiel macht den Unterschied sichtbar. Es ist beispielhaft gerechnet, keine Prognose und keine gemessene Größe. Angenommen, ein alleinstehender Anleger hält EUR 1.000.000 in einem Aktien-ETF, entnimmt 4 Prozent (EUR 40.000) und die verkauften Anteile bestehen zur Hälfte aus Kursgewinn (eine Annahme, kein Naturwert):
| Schritt | Betrag |
|---|---|
| Entnahme (4 % von EUR 1.000.000) | EUR 40.000 |
| Enthaltener Gewinn (Annahme 50 %) | EUR 20.000 |
| Nach Teilfreistellung (× 0,70) | EUR 14.000 |
| Nach Sparerpauschbetrag (− EUR 1.000) | EUR 13.000 steuerpflichtig |
| Abgeltungsteuer (× 26,375 %) | EUR 3.428,75 |
Die Steuer von EUR 3.428,75 entspricht 8,57 Prozent der Entnahme, nicht 26,375 Prozent. Aus der Brutto-Entnahmerate von 4 Prozent wird damit eine Netto-Rate von rund 3,66 Prozent, ein Steuerabzug von etwa 0,34 Prozentpunkten. Die naive Rechnung "26,375 Prozent von EUR 40.000 sind EUR 10.550" überschätzt die Last in diesem Fall um rund das Dreifache, weil sie das zurückfließende Kapital mitbesteuert und Teilfreistellung wie Pauschbetrag ignoriert.
Die Überschätzung ist nicht konstant. In den frühen Jahren ist der Gewinnanteil der ältesten Anteile klein, der Steuerabzug also gering. Mit FIFO steigt er über die Jahrzehnte, weil die zuerst verkauften, ältesten Lots den höchsten eingebetteten Gewinn tragen. Die genannten 3,66 Prozent gelten für die hier gewählte 50-Prozent-Annahme, nicht als feste Größe.
Die Tabellen oben zeigen das Prinzip an einem einzelnen Jahr. Wie sich eine Strategie über den gesamten Ruhestand verhält, hängt von Ihrem Vermögen, Ihrer Wunschentnahme, dem Zeithorizont und der angenommenen Rendite ab. Der folgende Rechner setzt diese Größen zu einem mehrjährigen Entnahmeplan zusammen. Die zugrunde gelegte Rendite ist eine Annahme, keine Renditeprognose.
Behandeln Sie das Ergebnis als Planungsanker, nicht als Versprechen. Eine kleine Änderung der Rendite-Annahme verschiebt den Endwert über drei oder vier Jahrzehnte erheblich, und kein einzelner Pfad bildet das ab, was die Märkte tatsächlich tun werden.
Bevor Sie eine Strategie wählen, lohnt der Blick auf das Risiko, das allen dreien gemeinsam ist: das Rendite-Reihenfolge-Risiko. In der Entnahmephase richten schwache Renditen in den ersten Jahren dauerhaften, überproportionalen Schaden an. Wer früh in einem Abschwung Anteile verkauft, entfernt sie endgültig aus dem Portfolio, sodass sie an der späteren Erholung nicht mehr teilnehmen. Zwei Ruheständler mit identischer Durchschnittsrendite können sehr unterschiedlich enden, je nachdem, ob die schlechten Jahre am Anfang oder am Ende lagen. In der Ansparphase spielt diese Reihenfolge keine Rolle; in der Entnahmephase ist sie zentral. Abfedern lässt sich das Risiko durch einen Liquiditätspuffer von etwa zwei bis drei Jahresausgaben, durch flexible Ausgaben und durch eine vorsichtige Anfangsrate.
Genau hier setzen die dynamischen Leitplanken nach Guyton-Klinger an, die regelbasierte vierte Variante. Man startet mit einer etwas höheren Anfangsentnahme und definiert Leitplanken von rund plus/minus 20 Prozent um die ursprüngliche Entnahmerate. Steigt die laufende Rate nach einem schwachen Jahr über die obere Leitplanke, kürzt man die Entnahme um etwa 10 Prozent; nach einem Verlustjahr lässt man die Inflationsanpassung ausfallen. So reagiert der Plan auf das Reihenfolge-Risiko, statt es zu ignorieren. Der Preis ist ein in Maßen schwankendes Einkommen, der Gewinn eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, dass das Vermögen lange trägt.
Für einen deutschen Frühruhestand verschiebt sich der vernünftige Anker gegenüber der amerikanischen 4-Prozent-Regel nach unten, auf eher 3,0 bis 3,5 Prozent (rund 29 bis 33 mal die Jahresausgaben, grob gerundet rund 30 mal). Drei voneinander unabhängige Faktoren stapeln sich:
Eine bewährte Stellschraube gegen diese Kostenstelle ist das sogenannte Barista-FIRE: Wer eine echte sozialversicherungspflichtige Teilzeittätigkeit ausübt (oberhalb eines Minijobs), wird nach § 226 SGB V pflichtversichert und zahlt GKV-Beiträge dann nur auf den Arbeitslohn. Kapital- und Mieteinkünfte werden in diesem Fall nicht zusätzlich verbeitragt. Die Vollverbeitragung des gesamten Einkommens trifft ausschließlich freiwillig Versicherte.
Daraus lässt sich keine allgemeingültige Antwort ableiten, aber eine Orientierung. Wer ein stabiles, planbares Einkommen über alles stellt und einen kürzeren Horizont oder eine inflationsgeschützte Zweitquelle hat, ist mit der konstanten oder der inflationsangepassten Entnahme gut bedient. Wer das Portfolio um jeden Preis nicht aufzehren will und mit Einkommensschwankungen leben kann, neigt zur prozentualen Entnahme. Wer beides austarieren möchte, findet in den Guyton-Klinger-Leitplanken den durchdachtesten Kompromiss. In jedem Fall gilt: Ein fester Entnahmesatz, gleich welcher, kann durch eine ungünstige Renditereihenfolge scheitern. Die niedrigere Anfangsrate und die Bereitschaft, in schwachen Jahren flexibel zu kürzen, sind der wirksamste Schutz.
Die Beispielrechnungen und Modellannahmen in diesem Beitrag sind beispielhaft und keine Prognose. Renditeannahmen sind keine Zusagen, und die historische Erfolgsquote der 4-Prozent-Regel ist ein US-Rückblick, keine Garantie. Steuerliche Angaben geben den Stand 2026 wieder und ersetzen keine individuelle Steuer- oder Anlageberatung.
Ihren Entnahmeplan durchrechnen
Im Investboard sehen Sie, wie sich verschiedene Entnahmestrategien über die Jahrzehnte auf Ihr Vermögen auswirken, mit Steuern und Inflation berücksichtigt.
Entnahmeplan im Investboard ansehen →